Left Boy I really like your sound.

leftboy god of music

Von Simon Berg

Es war also wieder soweit. Left Boy. In Berlin. In Hamburg. In Stuttgart. Und in noch viel mehr Städten. Er war auf Tour. Bei der Ticketbuchung über ein grauneutrales Internetportal kamen die Gefühle wieder hoch.
Die Nacht im Hochbett neben den pubertierenden Spaniern. Die Stunden in fremden Autos. Die schwitzenden Leiber. Die frenetischen Massen. Left Boys erstes Konzert.
Zitternd bestellte ich die Karten und bereitete mich mental auf zwei lange Monate des Wartens vor. Die Monate waren lang und das einzige was schneller stieg als meine Erwartungen an die „Woche der Wahrheit“ (Sonntag Berlin, Mittwoch Hamburg, Sonntag Stuttgart), waren die Likes auf Left Boys Facebookseite.

Left Boy ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Aber zu sagen, er wäre in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, ist eine große Lüge. Er ist irgendwo in den Randgebieten der Gesellschaft. Im gutbürgerlichen Familienhaushalt im Umland der Großstadt. Er ist eine Jugendsünde. Seine Fans sind so alt wie Justin Bieber und hören beide Musiker gleichermaßen. Diese Jugend braucht keine Mission, diese Jugend braucht den Hype.
Das lechzen nach Idolen und Stars dieser vom Marketing missbrauchten Teenies, hat in Deutschland wohl mit Tokio Hotel angefangen. Ihr neuestes Opfer scheint Left Boy zu sein. Es sei ihm vergönnt.

So kam es also, dass ich mich am 14. Oktober, gemeinsam mit Felix Baumgartner in semiunbekanntes Gebiet begab. Zusammen wagten wir den Sprung in den angekündigten Ausnahmezustand. Er aus 39.000 Metern höhe, ich in Berlin Friedrichshain.
Um nicht aufzufallen bestellte ich an der Bar eine große Apfelschorle und wurde von den anwesenden Elternpaaren trotzdem misstrauisch beäugt. Sie hielten mein alkoholfreies Getränk wahrscheinlich für eine böse und wesensverändernde Wodkabrause. Ich machte mir nichts daraus und nutzte meinen Altersvorsprung schamlos aus, indem ich mich zehn Minuten vor Beginn des Konzerts, von der Seite, bis in die Mitte, fast ganz nach vorne durch die Kinder schob, um damit zwei Dritteln der Anwesenden die Sicht zu verdecken. Ich stand gut, hatte freie Sicht, es konnte losgehen.

Und dann ging es auch los. Ich ging mit. Und es war viel zu schnell vorbei. Zum Konzert sei nur so viel zu sagen: Left Boy bewegte sich schon wie ein alter Hase, machte Witze, spielte Snippets, hatte Spaß mit der Crowd und die hatte Spaß mit ihm. Auch wenn ich es den Kleinen übel nehme, dass sie die wenigsten Lieder mitgrölten oder mitpiepsten, verbreiteten sie trotzdem eine ordentliche Stimmung. Aber gut. Vielleicht stand ich auch einfach zu weit hinten.

Das sollte sich in Hamburg ändern. Zwei Stunden vor Beginn postierte ich mich mit DJ Upstairs ganz vorne an den Barrikaden. Zweite Reihe, noch mehr Sicht, dafür Gedränge zum wahnsinnig werden. Left Boy war schon im Vorfeld wegen dem unglaublichen Andrang (die Tickets für die Tour waren in Deutschland innerhalb einer Woche ausverkauft) vom Übel & Gefährlich ins Docks gewechselt, davon merkte man in den ersten Reihen jedoch nichts.
Bevor Left Boy auf die Bühne trat, vertrieben zwei seiner New Yorker Kollegen den Ungeduldigen mit einem nicht zu unterschätzenden Programm die Zeit.

Und dann ging es schon wieder los. Und es war wieder unglaublich. Der Saal bebte, die Kinder schoben, die Mädchen schrien. Auch hier meldete sich mein mittelfristiges Gedächtnis: „Das hatten wir doch auch in Wien!!!“. Deswegen ging ich höchst professionell mit der brenzligen Lage um. Und während zerdrückte und dehydrierte Mädchen ohnmächtig über die Balustraden gehoben wurden, bullige Ordner Sprudelwasser über die tobende, schiebende Masse gossen, auf den LED Screens Pornostars zu sehen waren und Left Boy wie von der Tarantel gestochen Rappte, ließ ich mich treiben und meißelte meine Gefühle in Twitter- und Instagramposts.
Es war ein surreales Paralelluniversum das Left Boy am 17. Oktober auf der Hamburger Reeperbahn öffnete.

Die Meute hatte mindestens die Hälfte ihrer Körperflüssigkeit verloren als Left Boy, nach einem Circle oder Wall of Death Intermezzo (in dem mindestens eine Zahnspange brutalst zertreten wurde), den fulminanten Schlusspunkt setzte.
Zu seinem bekanntesten Hit entfaltete sich eine erhebende Szenerie: Left Boy zog sich seinen Lieblingshoody an und bekam goldenes Spotlight, hinter ihm flatterte das Piratensegel im Ventilatorenwind und von oben schneite es Schaum. Es war großartig. Und dann vorbei.

Nach Stuttgart fuhr ich nicht mehr. Meinen höchst eindrucksvollen Durchschnitt von vier Leftboykonzerten (erstes weltweites Konzert, HipHop Open Stuttgart, Berlin, Hamburg) in acht Monaten werde ich nun, da es ihn von Stadt zu Stadt zieht, nicht mehr halten können. Es ist mir ehrlich gesagt auch zu anstrengend. Ich bin zu alt für die massenapokalyptischen Nahtoderfahrungen. Trotzdem möchte ich danke sagen. Danke dir Ferdinand Sarnitz aka Left Boy für ein wunderbares Jahr! Von Anfang Januar bis heute warst du der einzige Mensch, neben meiner Freundin, dessen Stimme ich jeden Tag gehört hab.