Gute Texte: Sekt für die Nutten, Champagner für uns.

Von Lukas Weber

Sascha studiert Filmwissenschaften, spielt Gitarre und schneidet sich selten bis kaum die Haare. Sascha kommt aus Rüsselsheim, ist Mitglied der SPD und Teil einer Band. Sascha kellnert, trinkt Bier und liest Thomas Bernhard. Sascha ist Fan von Eintracht Frankfurt. Natürlich fährt Sascha mit nach Gelsenkirchen – im Abstiegskampf braucht die Eintracht schließlich jeden Mann. Auch deshalb werde ich ihn diesen Samstag begleiten.

Knapp sechs Stunden vor Anpfiff herrscht am Frankfurter Hauptbahnhof eine Stimmung die an Klassenfahrten zur Grundschulzeit erinnert. Während ein freundlicher Polizist Sascha darum bittet „Glasflaschen und sonstige pyrotechnischen Gegenstände“ doch bitte abzugeben, brüllt sich der Rest der langsam zusammenströmenden Fans quer durch die sonnendurchflutete Ankunftshalle freundlich an. Die Capri Sonne-Beutel von damals sind zwar beträchtlichen Mengen an Bier gewichen und statt Schulkindern warten Polizisten brav in Zweierreihen darauf das es los geht, dennoch hat diese Vorfreude auf den Ruhrpott etwas ungebrochen kindliches, ganz so als habe man sich dafür heute morgen unbemerkt aus dem Elternhaus stehen müssen.

Nach und Nach leert sich der Bahnsteig. Ein Fan nach dem anderen passiert die Gitter der polizeilichen Taschenkontrolle und begrüßt die mitfahrenden Ordner per Handschlag. Zumindest innerhalb des eigenen Vereins scheinen die Fans hinter einander zu stehen – selbst wenn es nur an der improvisierten Theke ist. In der, aus einer Bierbank, dem unvermeidlichen Apfelwein, unzähligen Tupperboxen voller Frikadellen und selbstverständlich großen Mengen an Bier bestehenden, hessischen Version des Bordbistros stattet Sascha sich mit Alkohol und Fleisch aus, bevor der Zug endlich ruckelnd den Bahnhof hinter sich lässt.

Es ist erstaunlich wie elegant ein ehemaliger Bummelzug mit grünblauen Sitzbezügen und grauer Decke wirken kann, wenn die Mitfahrer Ihre Definition von Luxus auf die Möglichkeit reduzieren, ungestört zu rauchen, zu trinken und ins Waschbecken zu urinieren. Kaum zu glauben, dass dieser Zug der selben Bahn gehört, die mittlerweile versucht jeden ihrer Bahnhöfe als glänzendes Exempel deutscher Reinlichkeit zu inszenieren.

Draußen zieht die immer gleiche Frühlingslandschaft vorbei, drinnen ist jetzt die Zeit trunkener Fussballphilosophie angebrochen. Tapfer verteidigt Sascha seine gute Laune gegen alle, die der Eintracht den sicheren Abstieg voraussagen. „Hundertfünfzig zu Null“ werden wir heute gewinnen „und nächste Saison international spielen, ganz sicher!“. Der Rest der Fans scheint immer noch skeptisch.

Die Qualität der Songs, die aus dem improvisierten Lautsprecher im Gepäckfach schallen ist ähnlich hoch wie die Einwohnerzahl der folgenden Zwischenhalte: Butzbach – Slipknot, Langgöns – AC/DC, Groß Linden – Azad. Die hessische Landesgrenze im Rücken beschleunigt sich dann der Alkoholkonsum gleichermaßen der Geschwindigkeit des Zuges, sodass am Ziel angekommen, die Frankfurter Anhängerschaft den Gesang übernimmt: „Arbeitslos und eine Flasche Bier, das ist S04, die Scheiße vom Revier.“ Hach wie schön. Im Bus geht es vorbei an den Sehenswürdigkeiten „Stadtbäckerei“ und „Stadtschlachterei“ ins Stadion das sich hier Arena nennt und überdacht ist. Egal, 15:30 Uhr, endlich Anpfiff!

Abpfiff. Verloren. Saschas Laune scheint das nicht zu trüben, schließlich „haben wir ja ein Tor geschossen!“ und auch der Rest der Frankfurter Fans ist guter Dinge: „Sekt für die Nutten, Champagner für uns…“ schallt es aus den Fenstern des mittlerweile zum dritten Mal per Notbremse zum Stillstand gebrachten Zuges „…wir sind alles Frankfurter Jungs.“ Die Polizei schlichtet mäßig souverän, als sie dem gesamten Zug die Weiterfahrt verbietet und versucht, uns Frankfurter in den nächsten Zug nach Düsseldorf zu steckten.

Spätestens hier Endet die lustige Klassenfahrt. Ob es ein etwas arrogantes Lächeln ins Gesicht eines gereizten Polizisten war oder das etwas zu laute „Eintracht Frankfurt olé!“ das gerade uns die Zugtickets und einige polizeiliche Tritte gekostet hat weiß am Ende niemand mehr. Ernsthafter Gewalt nur durch einiges Diskutieren entkommen, sitzen wir jetzt zumindest auf dem Bahnhofsplatz Gelsenkirchens und planen die Heimwertsfahrt nach der Auswärtsfahrt. Knapp zwölf Stunden und unzählige Regionalzüge später haben wir tatsächlich wieder Frankfurter Boden unter den Füßen und laut der Deutschen Bahn ein „schönes Wochenende“ gehabt. Zumindest steht das auf meinem Zugticket.